Meuterei

Meutern wir! Gegen den Trans- und Posthumanismus!

Noch nie von „Trans- und Posthumanismus“ gehört? Dann wird es höchste Zeit!

Seit Erfindung der Dampfmaschine im Jahre 1769 haben unsere technischen Möglichkeiten sich enorm vervielfacht. Wählen wir als Bild dafür eine uralte Eiche, die durch den Dünger der industriellen Revolution in den letzten 250 Jahren immer schneller immer höher gewachsen ist. Ihr vorläufig letzter und bald dickster Ast heißt Medizin und Digitalisierung.

Transhumanismus nun ist ein Zweig an diesem Ast. Transhumanisten sind der Überzeugung, dass viele menschliche Begrenzungen – wie Krankheit, Alter, geringe Intelligenz oder sogar der Tod – nicht als unabänderliches Schicksal hingenommen werden müssen, sondern technisch überwunden werden können. Transhumanisten genügt es nicht, uns durch immer bessere technische Hilfsmittel ein immer besseres Leben zu ermöglichen. Transhumanisten wollen den Menschen selbst durch Technik optimieren. Und besonders radikale Verfechter dieser Strömung, die Posthumanisten, wollen gar unsere Biologie überwinden, indem sie die Synthese von Mensch und Maschine anstreben.

Ziel dieser zahlenmäßig kleinen, aber dafür extrem finanzstarken und daher immer mächtigeren Bewegung, die sich besonders im Silicon Valley konzentriert, ist die Überwindung einer Menschheit, die nicht im ethischen, sondern im biologischen Sinne als unvollkommen verstanden wird.

Die neue Realität

Lange war diese transhumanistische Vision Science Fiction. Doch seit ein paar Jahren wird sie Realität. Manche Realisierungen bekommen viel öffentliche Aufmerksamkeit: Zum Beispiel humanoide Roboter mit Fähigkeiten, die weit über die menschlichen hinaus gehen. Ganz anders aber ist es mit einer Wirklichkeit, die sich schleichend und fast unbemerkt verändert: Die Verdrängung kreativer Berufe durch Künstliche Intelligenz.

Texter, Schriftsteller, Lektoren, Übersetzer, Grafiker, Designer, Zeichner, Maler, Fotografen, Kameraleute, Szenenbildner, Maskenbildner, Requisiteure, Filmschauspieler, Instrumentalisten, Sänger, Komponisten, Produzenten, Studiotechniker, Toningenieure und natürlich deren Helfer und Dienstleister, sie alle müssen zunehmend um ihre Existenz bangen. Noch hängt an vielen von ihnen unser aller kultureller Alltag. Doch die Ideen, Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen dieser Menschen werden weltweit immer weniger wert, weil Künstliche Intelligenz sie immer effektiver simulieren kann. Simulieren heißt: Das, was da kommt, ist nicht echt. Simulieren heißt auch: Wir merken einfach nichts davon! Denn KI trennt nicht zwischen Arbeit, die entmenschlicht, und Arbeit, die vermenschlicht. Erklärtes Ziel von beispiesweise Open AI ist es, eine KI zu bauen, die die menschlichen Fähigkeiten in den meisten wirtschaflich wertvollen Bereichen übertrifft.

Dass diese Entwicklung ziemlich zweischneidig ist, das ist bei vielen angekommen. Über einige Gefahren wird gesprochen, wie z.B. absehbar drohende Massenarbeitslosigkeit in einer Vielzahl von Berufen. Dass die genannten kreativen Berufe hier nur die Spitze eines rapide abschmelzenden Eisbergs sind, das dürfte fast jeder verstehen. Und welche systemischen Verwerfungen drohende Massenarbeitslosigkeit in wenigen Jahren mit sich führen würde, das ahnen zumindest die Klugen unter uns.

Doch dieser längst praktizierte, schleichende Transhumanismus kostet uns noch viel mehr!

Die versteckten Kosten

Da wären erstens die ökologischen Kosten. Die Denkrichtung führt einen ungeheuren Energie-und Rohstoffhunger mit sich. Um ihre Ziele zu erreichen, braucht sie so gut wie unbegrenzte Rechenleistung. Was bedeutet das wohl für unser Klima, für die Ressourcen dieser Erde und die Lebewesen, die der Gattung Homo sapiens nicht angehören?

Da sind zweitens die politischen Kosten. Das transhumanistische Menschenbild ist seinem Wesen nach elitär und antidemokratisch, auch wenn dessen Protagonisten sich selbst als Wohltäter der Menschheit sehen mögen. Denn die Realisierung ihrer Visionen dürfte mit ihrem gewaltigen Ressourcenverbrauch immer nur einer kleinen Minderheit möglich sein. Damit dürfte eine große Mehrheit kaum einverstanden sein. Wenn dieser kleinen Minderheit gelänge, was ihr vorschwebt, nämlich z.B. das Altern aufzuhalten- oder gar abzuschaffen, wer wären wohl die ersten Nutznießer dieses Fortschritts? Donald Trump? Vladimir Putin? Xi JinPing? Oder eben ihre späteren Konsorten? Oh, wie mir graust!

Und da sind drittens die zwischenmenschlichen und damit biografischen Kosten für uns alle. Alle die, deren Arbeit ersetzt (werden) wird, sie werden scheibchenweise immer weniger miteinander zu tun haben. Denn ein Großteil unserer Kommunikation ist ja an Arbeit gebunden, auch und gerade unter den sogenannten Kreativen. Ein unschätzbar vielfältiges Geflecht von Gesprächsstoffen- und Inhalten, kreuz und quer über den ganzen Globus, ähnlich dem unsichtbaren Wurzelwerk eines riesigen Waldes, steht zu Ende gedacht in Gefahr, größtflächig zu vertrocknen, wenn uns die Arbeit so ausgeht, wie es die Visionäre des Transhumanismus wollen. Um im Bild des weltweiten Waldes zu bleiben – unser Wald würde kleiner und kleiner, kleiner und kleiner, kleiner und klei… . Das aber wäre nicht nur tragisch für den Wald selbst und alle, die in ihm leben, sondern eben auch für die, die in ihm nur Ruhe und Erholung suchen.

Meutern wir!

Wir alle, wir alle sind betroffen. Doch fühlst Du Dich angesprochen? Wer bist Du selbst in diesem Kontext? Wie verstehst Du Dich, wie die Menschen um Dich herum, wie die, die mit Dir diesen Globus bewohnen? Was ist Dein Menschenbild?

Auch und gerade von Deiner Antwort hängt ab, wohin das Raumschiff Erde im nächsten Jahrzehnt steuert, wo wir uns in nur zehn Jahren befinden werden. Denn noch gibt es die Macht des Marktes. Noch kann vielleicht ein kollektives „Wir kaufen das nicht!“ diesem Wahnsinn Einhalt gebieten. Noch können wir Verlagen, die ihre Lektoren entlassen, weil die KI billiger ist, den Rücken kehren. Noch können wir uns bewusst weigern, Musik zu akzeptieren, die nicht von Menschen komponiert, gesungen und gespielt wird. Noch können wir Filmen, in denen KI Kulissen, Kostüme und Menschen ersetzt, das Publikumsinteresse verweigern. Von den ÖRR können wir fordern, keine KI-generierten Inhalte zu senden. Von den Kirchen können wir verlangen, dass sie ihre Türen systematisch und kostenlos für Live-Konzerte, Live-Ausstellungen, Live-Lesungen öffnen. In unseren Schulen können wir jugendliche Schülerinnen und Schüler darüber aufklären, welche Welt sie erwartet, wenn sie sich zum Spielball der transhumanistischen Vision machen lassen.

Ich plädiere für Meuterei des Marktes! Noch sind wir genug dafür! Aber viel Zeit haben wir nicht mehr.

M.M.S.

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